
Adipositas: Boehringer überzeugt bei Fettabbau, aber die Nebenwirkungen …
Der Wirkstoff des dänischen Partners Zealand Pharma, Survodutid, kann mit der Reudzierung von Körpergewicht und Leberfett überzeugen. Fragezeichen bleiben bei den gastrointestinalen Nebenwirkungen, die fast ein Viertel der Teilnehmer der klinischen Studie zum frühzeitigen Abbruch der Einnahme bewegten. Die börsennotierte Zealand spürt den Knacks im Vertrauen deutlich in einem Kursrutsch um 25%. Ob Boehringer dennoch die Überzeugungsarbeit bei Zulassungsbehörden und später den verschreibenden Ärzten gelingt, ist damit noch nicht ausgemacht.
Der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim hat neue Phase-III-Daten zu seinem Adipositaskandidaten Survodutid vorgestellt. Der einmal wöchentlich verabreichte duale GLP-1/Glukagon-Rezeptor-Agonist zeigte in den zulassungsrelevanten Studien deutliche Effekte auf Körpergewicht, viszerales Fett und Leberfett. Die auf der Jahrestagung der American Diabetes Association (ADA) präsentierten Ergebnisse stützen die Hoffnung auf ein differenziertes Profil im zunehmend umkämpften Markt für Stoffwechselerkrankungen. Gleichzeitig werfen die Daten erneut Fragen zur Verträglichkeit auf.
Gute Werte bei Gewichtsabnahme und Leberfett
In der Phase-III-Studie Synchronize-1 verloren Erwachsene mit Adipositas oder Übergewicht ohne Typ-2-Diabetes nach 76 Wochen Behandlung bis zu 16,6 % ihres Körpergewichts. In der Placebogruppe betrug der Gewichtsverlust 3,2 %. Darüber hinaus reduzierte Survodutid das viszerale Fettgewebe – also das Fett rund um die inneren Organe – um bis zu 34 %, verglichen mit 12 % unter Placebo. Der Gewichtsverlust beruhte laut Boehringer überwiegend auf dem Abbau von Fettmasse; der Anteil an verlorenem Muskel- und anderem fettfreiem Gewebe blieb selbst bei der höchsten Dosierung unter 11 %.
Besondere Aufmerksamkeit erhielten jedoch die Daten zum Leberfett. In einer vorab definierten Analyse von Synchronize-1 verringerte Survodutid den Leberfettanteil um bis zu 63,1 %, während unter Placebo eine Reduktion von 25 % beobachtet wurde. In der separaten Phase-III-Studie Synchronize-MASLD bei Patienten mit Übergewicht oder Adipositas und metabolischer Dysfunktion-assoziierter Fettlebererkrankung (MASLD) erreichten bis zu 84,2 % der Behandelten eine Verringerung des Leberfetts um mindestens 30 %. In der Kontrollgruppe gelang dies lediglich 24,3 % der Teilnehmer.
Duale Wirkungsweise als Differenzierungsmerkmal
Gerade diese Effekte könnten dem Wirkstoff eine besondere Positionierung ermöglichen. Anders als reine GLP-1-Agonisten aktiviert Survodutid zusätzlich den Glukagon-Rezeptor. Während die GLP-1-Komponente vor allem Appetit und Sättigungsgefühl beeinflusst, wird dem Glukagon-Signalweg eine Rolle beim Energieverbrauch und beim Fettstoffwechsel der Leber zugeschrieben. Damit könnte der Kandidat insbesondere für Patienten mit adipositasbedingten Lebererkrankungen interessant werden.
Allerdings verdeutlichen die Daten auch die Herausforderungen im Wettbewerb mit etablierten Inkretin-Therapien. In Synchronize-1 brachen 19 % der Patienten die Behandlung aufgrund gastrointestinaler Nebenwirkungen ab. In der Placebogruppe lag dieser Wert bei lediglich 2,9 %. Die häufigsten unerwünschten Ereignisse entsprachen dem bekannten Profil der Wirkstoffklasse und umfassten Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Die meisten Beschwerden traten während der Dosiseskalation auf.
Nebenwirkungen können zur Hürde werden
Für die kommerzielle Bewertung des Programms dürfte die Balance zwischen Wirksamkeit und Verträglichkeit entscheidend werden. Der Gewichtsverlust bewegt sich zwar im Bereich früherer GLP-1-Therapien, bleibt jedoch hinter den bislang berichteten Ergebnissen des Marktführers Tirzepatid zurück. Die stärksten Argumente für Survodutid könnten daher weniger in der reinen Gewichtsreduktion liegen als vielmehr in den ausgeprägten Effekten auf Fettverteilung und Lebergesundheit.
Survodutid wurde ursprünglich vom dänischen Biotech-Unternehmen Zealand Pharma entdeckt und später an Boehringer Ingelheim auslizenziert. Der deutsche Pharmakonzern verantwortet die globale Entwicklung und Vermarktung. Neben Adipositas wird der Wirkstoff auch für weitere stoffwechselbedingte Erkrankungen einschließlich der metabolischen Steatohepatitis untersucht. Ob die beobachteten Vorteile ausreichen, um Ärzte, Patienten und Zulassungsbehörden trotz der vergleichsweise hohen Rate gastrointestinaler Nebenwirkungen zu überzeugen, dürfte eine der entscheidenden Fragen der weiteren Entwicklung bleiben. Experten sehen gerade im Bereich metabolischer Dysfunktion-assoziierter Fettlebererkrankung (MASLD) die größte Chance für Survodutide, sich im stark umkämpften Markt für Adipositas-Medikamente von der Konkurrenz abzuheben. Dieser Gesamtmarkt könnte bis 2030 auf mehr als 100 Mrd. US-Dollar anwachsen.

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